Material - Inhalt - Aufgabe: Planungselemente für Blended Learning-SzenariosVor der Forderung nach einer aktiven Aneignung des Inhalts durch die Studierenden wird der Zusammenhang von Inhalt, Material und Aufgabe dargestellt. Formulierung von Fragestellungen, die der Gestaltung von Blended-Learning-Arrangements zugrunde liegen können.
Ziel der Verbindung virtueller und präsenter Anteile eines
Lehr-/Lernprozesses ist die aktive Auseinandersetzung der Lernenden mit
den zu vermittelnden oder zu erarbeitenden Inhalten.
Dies erscheint vor
allem dann möglich, wenn neben einer rein präsentierenden Darbietung
der Inhalte bei der Erstellung von Blended-Learning-Arrangements darauf
geachtet wird, dass Phasen der Aneignung, Umformung, Verarbeitung und
des Transfers der Inhalte in die Planung des Lernprozesses integriert
werden (=Lernhandeln). Die Inhalte sollten dabei auf den
lebensweltlichen Hintergrund, Erwartungen und Bedarfe der Lernenden
abgestimmt werden.
Dabei stehen Material, Inhalt und Aufgabe in einem Wechselverhältnis:
Inhalt
Der Inhalt, hier verstanden als der zu vermittelnde oder zu
erarbeitende Lernstoff (Teil eines Wissensgebiets) wird über
Materialien kommuniziert: Texte, Graphiken, Filme, Tondokumente bilden
die mediale Aufbereitung des Inhalts. Dabei unterscheiden sich
Materialien, die zu einem bestimmten Zweck - auch vor der Frage des
Einsatzes im präsenten oder virtuellen Kontext - gesammelt werden, von
solchen, die eigens für ein konkretes Lernszenario oder eine einzelne
Lehrveranstaltung erst hergestellt werden: Im ersten Fall sind
beispielsweise Seminarordner und Handapparate gemeint, die
repräsentative Texte zu einem Wissensgebiet zusammenstellen.
Handapparate können "präsent" als Kopiervorlage oder virtuell als
Sammlung von Download-Dokumenten zusammengestellt werden und erfüllen
in didaktischer Hinsicht ähnliche Funktionen.
Eigens für ein konkretes
Lernszenario hergestelltes Material stellt ausgewählte Teile des
Wissensgebietes in einer didaktischen Anlage so zusammen, dass die Art
der "Didaktisierung" mit den verfolgten Lernzielen und möglichen
Lernwegen korrespondiert. Grundsätzlich ist jedes Material bereits
"didaktisiert", der "reine" Inhalt ist nicht von der Art seiner
Vermittlungsform zu trennen: Auch ein Text im Handapparat weist
Vermittlungsstrukturen (sprachlich-rhetorische Gestaltung,
Abstraktionsniveau etc.) auf, die seine Rezeption und damit den
Lernprozess bestimmen, obwohl der Inhalt nicht mit didaktischen Absichten verändert wurde.
Die Frage, welche Art der didaktischen
Aufbereitung für welches Lernziel angemessen ist, stellt sich also
nicht nur bei selbst erstellten Materialien, sondern grundsätzlich. Da
jedoch die Gestaltung virtueller Lehrangebote meist stärker mit neu und
eigens für sie gestalteten Materialien arbeitet als die konventionelle
(Präsenz-)lehre, muss hier zusätzlich noch geklärt werden, welche
Darstellungsart vielleicht spezifisch geeignet ist für virtuelle
Lehr-/Lernzusammenhänge.
Die Materialerstellung oder -aufarbeitung kann dabei nicht unabhängig
von der (geplanten) Art ihrer Verarbeitung sein.
Damit sind Aufgaben,
die mit dem Material verbunden werden oder bewusst und systematisch
arrangierte Lernprozesse gemeint:
"...daß entscheidend für die Konstruktion von Lernumgebungen, selbst
wenn sie sich traditioneller Elemente und Grundlagen etwas des
Computer-Based Trainings bedienen, nicht die 'sachlogische Struktur der
Inhalte', sondern die didaktischen Konstruktionsprinzipien der
Lernsituation sind. Dabei kann es sogar soweit gehen, daß die Inhalte
hinter den Lernmethoden zurückstehen müssen bzw. daß die normale
Darstellungsweise der Inhalte 'auf den Kopf gestellt' werden muß, um
Lernen anzuregen und zu fördern." (Schulmeister 2001, S. 319)
Grob skizziert stellt sich das Verhältnis von Inhalt, Material und
Aufgabe folgendermaßen dar:

Material
Für die Gestaltung des Materials können folgende Fragen relevant sein:
- Wie ist der Inhalt strukturiert?
-
Welche Textart wird gewählt?
- Bewegt
der Text sich vom Besonderen ins Allgemeine oder stellt er umgekehrt
eher übergeordnete Kategorien vor, denen konkrete Beispiele,
Veranschaulichungen untergeordnet werden?
- Ist ein Text
multiperspektivisch "erzählt" oder eher stringent einem "roten Faden
folgend"?
- Enthält er viele innere Verknüpfungen (z.B. durch Hyperlinks)
oder bleibt er eher linear?
- Ist der sprachliche Duktus eher fragend und
zum aktiven Nachvollzug bzw. Widerspruch einladend oder stärker
behauptend?
- Orientiert sich die Darstellung an der Fachsystematik (wie
meist in Lehrbüchern der Fall) oder konstruiert er Fallbeispiele (vgl.
Schulmeister 2001, S. 235ff), für deren Lösung die Fachsystematik eher
den Hintergrund bildet?
- Werden Probleme formuliert und Lösungen
entwickelt?
- Welche Arten von Lösungen werden wie präsentiert?
- Ist das
Material interaktiv, d.h. kann der Lerner "eingreifen" und dadurch den
Inhalt selbst verändern?
(vgl. Schulmeister 2002, S. 45ff)
Aufgabe Die
Entscheidung für die ein oder andere Darstellungsform ist eng damit
verbunden, wie die Lernenden mit dem Material umgehen sollen.
- Welche
Aufgaben und Aktivitäten strukturieren den Lernprozess (vgl. Kerres
2001, Euler 2001, Petschenka et al., 2001)?
- Werden Aufgaben als
nachgeschaltetes Prüfungselement verstanden oder sollen sie den
Lernprozess selbst in Gang bringen (vgl. Kerres 2001)?
- Um welche Art von
Aufgaben oder Übungen handelt es sich?
- Zielen sie eher auf die
Vermittlung deklarativen Wissens ("Wissen, daß") oder auf die Förderung
prozeduralen Wissens ("Wissen, wie?") ab?
- Welcher vermutete
Kompetenzgewinn wird an welche Aufgabenart gekoppelt (unterstelle ich
z.B. einen Zuwachs fremdsprachlicher Kommunikationskompetenz, wenn
Lernende ein Vokabeltraining im Multiple-Choice-Format durchlaufen)?
- Wer entwickelt die Aufgaben und wer korrigiert an welcher Stelle des
Lernprozesses die Ergebnisse?
- Wie werden Ergebnisse bearbeiteter
Aufgaben in den Lernprozess integriert?
- Wie bestimmen sie
gegebenenfalls weitere Lernschritte?
Kremer/Sloane (2001, S. 14) fassen generell folgende Planungskriterien
für Blended-Learning-Arrangements zusammen, die damit auch Erwartungen
an den unterstellten Mehrwert von eLearning verraten:
-
Berücksichtigung des Lebensraums der Lernenden
-
Individualisierung der Lernprozesses
-
Kooperatives Lernen
-
Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf kasuistische Strukturen
-
Auslösen metakognitiver und metakommunikativer Prozesse
Vgl. auch die
Checkliste und das Fallbeispiel bei Kerres (2001, S. 15)
Literatur:Euler, D. (2004): Selbstgesteuertes Lernen mit Multimedia und Telekommunikation gestalten. In: Hohenstein, A.; Wilbers, K. (Hg.): Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis (Loseblattsammlung 4.1). Neuwied: Verlag Deutscher Wirtschaftsdienst.
Guter Einstiegstext, macht einen großen Bogen zu allen wichtigen Problemen des eLearning und fokussiert dann die Mehrwertfrage unter der Kategorie des selbstgesteuerten Lernens ? "wie kann man selbstgesteuertes Lernen durch eLearning verbessern?" Auch konkrete Tipps (Checkliste) zur Implementierung von eLearning-Angeboten.
Kerres, Michael (2004): "Online- und Präsenzelemente in Lernarrangements kombinieren". In: Hohenstein & Wilbers, 4.5
In Anlehung an das Gagnésche Modell des Instruktionsdesigns werden didaktische Kategorien für Blended-Learning-Arrangements entwickelt
Petschenka, A.; Ojstersek, N.; Kerres, M.: Lernaufgaben gestalten - Lerner aktivieren mit didaktisch sinnvollen Aufgaben. In: Hohenstein, A.; Wilbers, K. (Hg.): Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis (Loseblattsammlung 4.19). Neuwied: Verlag Deutscher Wirtschaftsdienst.
Verschiedene Aufgabentypen in ihrer Relation zu verschiedenen Wissenstypen. Konkrete Tipps zur Erstellung von Aufgaben, allerdings insgesamt doch sehr stark dem "Rückmeldungs"-Schema verhaftet.
Schulmeister, R. (1997): Grundlagen hypermedialer Lernsysteme. Theorie, Didaktik, Design. München/Wien: Oldenbourg Verlag.
Analyse multimedialer Lehr-/Lernanwendungen unter lerntheoretischem Fokus. Didaktische Konzepte von Interaktivität und interaktiven Lernobjekten.
Schulmeister, R. (2001): Virtuelle Universität, virtuelles Lernen. München & Wien: Oldenbourg Verlag.
In diesem Buch werden hochschulpolitische Forderungen und Prognosen zur zukünftigen Marktentwicklung der virtuellen Universität zusammengebracht und mit empirischen Beschreibungen des aktuellen Medieneinsatzes konfrontiert.
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