(Gibt es) Spezifische Charakteristika virtueller Lehre?Problematisierung spezifischer Charakteristika virtueller Lehre. Annahmen über mögliche Mehrwertkriterien von Präsenz- und virtueller Lehre vor der Fragestellung des didaktischen Mehrwerts
Dem Lernen mit Neuen Medien und der virtuellen Lehre wird häufig ein
Mehrwert zugeschrieben, der diesen Medien oder Vermittlungsformen
selbst inne zu wohnen scheint. Tatsächlich jedoch bleibt der Lernprozess
"den Anstrengungen eines jeden Lernenden überlassen" (Kremer/Sloane
2001, S. 4). Egal in welcher medialen oder methodischen Form er gestaltet wird, Lehrszenarien sind gleichzeitig auch immer
Interaktionsverläufe zwischen Lehrenden und Lernenden.
"Virtuelle
Seminare tragen keine didaktische Konzeption in sich. Virtuelle
Seminare können sowohl als instruktionsorientierte Seminare als auch
als problemorientierte/handlungsorientierte Seminare gestaltet werden." (Kremer/Sloane 2001, S. 6)
Dabei können veränderte Vermittlungsmedien den Lernprozess
beeinflussen, aber im Vorhandensein bestimmter Techniken allein liegt
noch kein didaktischer Mehrwert:
"Auch Multimedia und Telekommunikation mögen mit dazu beitragen, dass
die Lernumgebung anregender wird. Die Datenautobahn wird aber nicht
automatisch zu einem neuen Lernschnellweg, denn Lernen kommt nicht
durch die Anhäufung von Wissen zu Stande, sondern erst durch dessen
Aneignung." (Euler 1998, S. 2; zit. nach Kremer/Sloane 2001, S. 4)
Lernen als "Aneignung von Wissen" wird also gerade vor den
unüberschaubaren und sich ständig verändernden Informationsmengen des
Internet und der Wissensvermehrung überhaupt eine schwierigere und
komplexere Aufgabe.
Die mediale Aufbereitung von Inhalten und deren Vermittlung via
Präsenz- oder virtueller Lehre muss also das Ziel der Aneignung des
Wissens, den Verarbeitungsprozess des Lernenden vor Augen haben (siehe auch Material - Inhalt - Aufgabe).
Die Frage nach den spezifischen Charakteristika oder gar Vorteilen
virtueller Lehre tritt also zunächst in den Hintergrund, vielmehr wird
die Frage nach der allgemeinen didakischen Ausrichtung eines
Lehrangebots entscheidend. Dabei ist dann "zu prüfen, welchen Nutzen
neue Technologien zur Verfolgung didaktischer Aufgaben bieten."
(Kremer/Sloane 2001, S. 5)
Wenn Blended Learning im Sinne eines begründeten Arrangements präsenter
und virtueller Anteile des Lernprozesses ein Vorteil für den
Aneignungsprozess neuer Inhalte zugeschrieben wird, so stellt sich die
Frage nach den spezifischen Vorteilen präsenter oder virtueller
Lehranteile. Gibt es einzelne Phasen, Aufgabenarten, Vermittlungsformen
oder -methoden, die "aus sich heraus" geeignet für Präsenz- oder
virtuelle Lehre sind?
Die Frage ist nicht abschließend beforscht, so dass in der Literatur in
diesem Zusammenhang eher von "Potenzial" oder "angenommenen
Charakteristika" die Rede ist als dass verbindliche Richtlinien oder
gar "Rezepte" formuliert werden könnten.
Einige relevante Aspekte dieser Diskussion stellen die folgenden Seiten dar:
Die Erörterung von Spezifika virtueller Lehre ist eng gekoppelt an die
Erforschung der Eigenarten präsenter, traditioneller Lehre. Die
Möglichkeit der Entscheidung zwischen Präsenzlehre und virtueller Lehre
stellt überhaupt erst die Frage, ob der Präsenzlehre oder der
virtuellen Lehre spezifische Vor- oder Nachteile anhaften, die zuvor
noch nicht reflektiert wurden. Dies gilt vor allem für die Reflexion
der Präsenzlehre: diese ist das konventionelle Setting von
Lehr-/Lernprozessen, deren Spezifika jetzt vielleicht erst erkennbar
werden dadurch, dass mit der virtuellen Lehre ein Vergleichsmoment auf
den Plan tritt:
"Und es werden Dimensionen konventioneller
Bildungsmaßnahmen erkannt, die zuvor kaum bewusst reflektiert wurden.
Die Erfahrungen in virutellen Räumen tragen nun dazu bei, die
besonderen Qualitäten sowohl der Online- als auch der Präsenzlehre zu
erkennen und durch entsprechende konzeptionelle Ausrichtungen schärfer
herauszuarbeiten." (Kerres 2001, S. 14).
Spezifika der einen oder
anderen Seite sind dabei nur in Abhängigkeit der jeweils anderen Seite
zu benennen.
Literatur:Euler, D. (2004): Selbstgesteuertes Lernen mit Multimedia und Telekommunikation gestalten. In: Hohenstein, A.; Wilbers, K. (Hg.): Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis (Loseblattsammlung 4.1). Neuwied: Verlag Deutscher Wirtschaftsdienst.
Guter Einstiegstext, macht einen großen Bogen zu allen wichtigen Problemen des eLearning und fokussiert dann die Mehrwertfrage unter der Kategorie des selbstgesteuerten Lernens ? "wie kann man selbstgesteuertes Lernen durch eLearning verbessern?" Auch konkrete Tipps (Checkliste) zur Implementierung von eLearning-Angeboten.
Kerres, Michael (2004): "Online- und Präsenzelemente in Lernarrangements kombinieren". In: Hohenstein & Wilbers, 4.5
In Anlehung an das Gagnésche Modell des Instruktionsdesigns werden didaktische Kategorien für Blended-Learning-Arrangements entwickelt
Sloane, P. & Kremer, H. (2004): "Virtuelle Seminare gestalten". In: Hohenstein & Wilbers, 4.3
Anleitung zur Planung virtueller Seminare von der Konzeption bis zur Evaluation (also ein umfassenderer Planungsbegriff). Es geht um den spezifischen Mehrwert von eLearning, die entwickelten Tipps und "Checklisten" sind allerdings doch eher im "normal"-didaktischen Bereich angesiedelt.
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