Sprachpraxis in unterschiedlichen medialen DienstenEs gibt nicht "die computer-vermittelte Kommunikation", sondern unterschiedliche Ausprägungen von Kommunikationsstilen oder unterschiedlicher Sprachpraxis, die von Kontextfaktoren der Kommunikationssituation wie der Zielgruppe, dem Kommunikationsanlass oder dem medialen Dienst abhängen.
Da die meisten Lernplattformen heutzutage mehrere mediale Dienste integrieren, ist es für den angemessenen Einsatz in Online-Phasen wichtig zu wissen, wie die Sprachpraxis z.B. im Chat oder in einer Newsgroup unterscheidet.
Auf dem Hintergrund der Kenntnisse von Gruppenprozessen oder von Wissensentstehungsprozessen ist es naheliegend, eher sprechsprachliche Formen für die beiden ersten Phasen und eher schriftsprachliche Formen für die dritte Phase zu nutzen.
Sprachwissenschaftliche
Untersuchungen zum Nutzungsverhalten in verschiedenen medialen Diensten
im Internet zeigen, dass sich trotz einer großen Varianz innerhalb der
einzelnen medialen Dienste charakteristische Merkmale der
verwendeten Sprachstile und Sprachformen zuordnen lassen. Bezieht man
die empirischen Ergebnisse auf die Kommunikation in der Hochschullehre,
dann können für die in Lernplattformen verfügbaren medialen
DiensteTextdokumente (Hoch- und Herunterladen), E-Mail, Newsgroup oder
Forum und Chat folgende sprachlichen Merkmale beschrieben werden:
Textdokumente, die von
Lehrenden und Lernenden auf eine Lernplattform hoch- und
heruntergeladen werden können, enthalten keinen Adressaten, zeichnen
sich durch eine strukturierte Textform (z.B. Überschriften, Absätze,
Einleitung) und eine explizite Ausdrucksweise aus und sind in der
Sprachform der Wissenschaft geschrieben (z.B. lange,
verschachtelte Sätze).
In E-Mails sind die Absender
deutlich ausgewiesen, Adressaten werden meistens genannt,
die Ausdrucksweise ist der brieflichen Schreibpraxis sehr nahe,
Spitznamen oder Pseudonyme wie z.B. im Chat kommen nicht vor.
In Newsgroups oder Foren
werden Adressaten direkt angesprochen. Entweder können neue thematische
Beiträge (auch "Quoting" genannt) eingerichtet werden oder ein neuer
Beitrag bezieht sich auf einen vorhergehenden Beitrag. Der thematische
Bezug zu einem vorhergehenden Beiträgen wird durch die Technik des
"Follow-up" hergestellt, d.h. der vorhergehende Beitrag wird, durch die
Symbole << kennzeichnet, wiederholt. Durch diese Bezüge sind
Beiträge in den Newsgroups oder Foren dialogzentriert. Zur Mitteilung
von Mimik werden Smileys eingesetzt. Die verwendete Syntax ist jedoch
vergleichsweise komplex. Der Sprachstil kann als lockerer Briefstiel
bezeichnet werden.
Der im Chat verwendete
Sprachstil ist der mündlichen Sprachpraxis am nächsten. Da der mediale
Dienst eine synchrone Kommunikationsform bereitstellt, ist ein
schneller Austausch zwischen mehreren Teilnehmenden möglich. Hier
geht es darum, sich verständlich zu machen und verstanden zu
werden. Der Sprachstil ist dementsprechend kurz und
knapp. Die Mimik und Gestik der sprachlichen Kommunikation wird
in andere Symbole übersetzt und durch Smileys, Worterfindungen und
Lautmalereien ausgedrückt (ähnlich der Comicsprache). Die Sprache
ist eher assoziativ und kreativ und zeichnet sich durch unvollständige
Sätze aus, korrekte Rechtschreibung (z.B. durch Tippfehler) tritt
hinter das Ziel der schnellen Verständigung zurück. Da sich bei
mehreren Gesprächsteilnehmern zum Teil mehrere Gesrpächsfäden
nebeneinander entwickeln, die sich ineinander verschachteln, erfordert
es eine spezifische Kompetenz, diese Kommunikatonsform für den
kommunikativen Austausch effizient zu nutzen.
Für Phasen, in denen möglichst viele Ideen und Assoziationen
eingebracht und ausgetauscht werden sollen, wie z.B. die Phase 1 der
Wissensentstehung oder die Phase 1 und 2 von Gruppenprozessen, kann der Chat
sehr gut eingesetzt werden. Erforderlich dafür ist eine moderatorische
Leitung, die diese Phasen adäquat anleitet und strukturiert.
 Schriftsprachliche und sprechsprachliche Merkmale
Bildet man die Sprachstile in den beschriebenen medialen Diensten auf
einem Kontinuum ab, dann ergibt sich folgende Darstellung von
monologisch/monodirektionalen Merkmalen mit eher schriftsprachlichen
Eigenschaften im Austausch von Textdokumenten bis hin zu
dialogisch/interaktiven Merkmalen mit eher sprechsprachlichen
Eigenschaften im Chat.
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