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Wissensentstehungsprozesse

In der Hochschullehre wird oft vom Ziel des Wissens, die wissenschaftliche Definition, Methode, Theorie oder das wissenschaftliche Modell ausgegangen und versucht, durch auf das Ziel hin reduzierte Fragestellungen, Korrekturen und Ergänzungen die Studierenden zum wissenschaftlichen Verständnis anzuleiten. Erfolgreicher für die Lernprozesse ist es jedoch, die Lernprozesse als Wissensentstehungsprozesse zu begreifen und vom Vorverständnis und Vorwissen der Studierenden auszugehen und, darauf aufbauend, das Ziel zu erarbeiten. Wissensentstehungsprozesse erklären, wie in einer Lerngruppe implizites Wissen explliziert, ausgetauscht und mit vorhandenen Wissensbeständen kombiniert werden kann.

In der Hochschullehre wird häufig ein "top down"-Modell der Wissensvermittlung verfolgt.
Die oder der Lehrende geht von wissenschaftlichen Begriffen, Konzepten und Modellen auf dem Hintergrund seiner Fachsystematik aus und versucht in der Lehrveranstaltung, die Studierenden an den Wissenschaftstand heranzuführen, indem sie oder er die Studierenden Begriffe, Konzepte und Modelle anhand einer eigens dafür didaktisch reduzierten Fragestellung produzieren lässt und durch ständige Korrektur ihrer lücken- und fehlerhaften Arbeitsergebnisse, beziehungsweise durch Anbieten von Musterlösungen an den Wissenschaftstand heranzuführen.
Die von den Studierenden produzierten Fehler und Sackgassen werden als "falsche Wege" oder "Umwege" gewertet, die es zu vermeiden gilt, um ans Ziel zu gelangen.
Die Studierenden konzentrieren sich darauf, den "richtigen Weg" durch Kombination und Erraten, bzw. analoges Produzieren von Ergebnissen in Anlehnung an die Musterlösung herauszufinden und verlieren dabei den Verstehensprozess aus dem Auge. Dementsprechend gering ist das Transferpotential der produzierten Ergebnisse auf reale, komplexe Problemstellungen (vgl.: Defizite traditionellen Lernens).



Ein "bottom up"-Modell der Wissensvermittlung begreift die Lernprozesse der Studierenden als Wissensentstehungsprozesse. Damit ist nicht gemeint, dass die Studierenden im Lernprozess neues wissenschaftliches Wissen produzieren, sondern dass sie sich einen eigenen begründeten wissenschaftlichen Standpunkt innerhalb eines Wissenschaftsgebietes erarbeiten müssen, der für sie einer Wissensneuschaffung entspricht. Kooperative Lernprozesse bieten hierbei die erste Möglichkeit, eigene Perspektiven, Bedeutungen und Positionen mit den Perspektiven der anderen Lernenden zu vergleichen und zu diskutieren und sich allmählich an sinnvolle Lösungswege heran zu arbeiten. Die Produktion von Fehlern und Umwegen ermöglicht erst das Verständnis für sinnvolle Lösungswege.



Wissensschaffung in innovativen Unternehmen
Bei einer empirischen Untersuchung, wie innovatives Wissen in Unternehmen entstanden ist, die erfolgreiche Produkte entwickelt haben, verglichen zwei japanische Wirtschaftswissenschaftler westliche und japanische Unternehmen miteinander.


Sie stellten fest, dass westliche Unternehmen auf das Individuum
ausgerichtet denken. Ihre Stärke in der Wissensschaffung bezeichneten sie als Externalisierung und Kombination. Vor allem analytische Fähigkeiten und konkrete orale oder visuelle Präsentationen (Dokumente, Handbücher, Datenbanken) haben zum Erfolg der Unternehmen beigetragen. Ihre Stärken liegen in der Genauigkeit der Analyse und der Dokumentation, die aber auch Schwächen nach sich ziehen kann wie die "Analyseparalyse" oder das Fehlen von Kreativität und zwichenmenschlichem Austausch. Die Vorgaben durch die Unternehmensführungen seien im allgemeinen zu konkret und behinderten dadurch kreative Prozesse.

Japanische Unternehmen dagegen seien auf die Gruppe ausgerichtet. Die Stärke japanischer Unternehmen sei die Intuition, die Artikulation in bildlicher, mehrdeutiger Sprache, die kreative Prozesse fördern. Ein hoher zwischenmenschlicher Austausch ist auch in großen Unternehmen üblich. Handlungsorientierte Erfahrungen werden für die Wissenschaffung genutzt. Die Schwäche der japanischen Unternehmen liege im Gruppendenken, das eine Überanpassung mit sich bringe.

Diese Erkenntnisse integrierten die beiden Wissenschaftler in einem Fünf-Phasenmodell der Wissensschaffung in Unternehmen (NONAKA & TAKEUCHI). Es bietet eine Orientierung zum Verständnis kooperativer Lernprozesse und lässt sich z.B. gut für die Erarbeitung wissenschaftlicher Begriffe und Konzepte in akademischen Lehrveranstaltungen nutzen. Die Autoren integrieren zwei Tendenzen in ihrem Modell, zum einen geht es um die Externalisierung des impliziten Wissens einzelner Personen in einem Team und zum zweiten darum, das Wissen der einzelnen Personen in der Gruppe auszutauschen und die individuellen Perspektiven zu einem gemeinsamen Modell zu integrieren.
(vergl.: Fünf-Phasenmodell)


Literatur:

Nonaka & Takeuchi (1997). Die Organisation des Wissens. Wie japanische Unternehmen eine brachliegende Ressource nutzbar machen. Campus: Frankfurt.
Ein Konzept zur Wissensentstehung und Wissenschaffung in Unternehmen. Japanische Manager orientieren sich an implizitem Wissen, westliche Manager an explizitem Wissen. Auf der Basis einer empirischen Studie zu erfolgreichen Produktentwicklungen von Unternehmen beschreiben die japanischen Wirtschaftswissenschaftler ein Modell, das beide Ansätze zur Wissenschaffung integriert.