Die vier Phasen eines GruppenprozessesDie Erforschung gruppendynamischer Prozesse geht auf die Erforschung erfolgreicher Teams durch Arbeitspsychologen zurück. Erfolgreiche Teams durchlaufen mehrere psychosoziale Entwicklungsphasen, bevor sie eine funktionierende soziale "Ordnung" etabliert haben, die ihnen die optimale Entfaltung ihrer Arbeitskraft im Team erlaubt.
Im folgenden werden vier typische Entwicklungsphasen skizziert, die erfolgreich arbeitende Lerngruppen durchlaufen. Für jede Phase werden die Anforderungen beschrieben, die in einer Online-Lernumgebung berücksichtigt werden müssen und die Aufgaben konkretisiert, die sich daraus für die Seminarleitung ergeben.
Phase 1: Ankommen - Sich orientieren - Kontakt aufnehmen Die erste Phase eines Gruppenprozesses ist gekennzeichnet vom Übergang der Studierenden von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder der vorhergehenden Lehrveranstaltung in das aktuelle Lehrgeschehen. Die Gedanken kreisen noch um unerledigte Aufgaben, ungelöste Probleme oder andere Erlebnisse. Es dauert eine Weile, bis die Teilnehmenden nicht nur physisch, sondern auch gedanklich im Seminar angekommen sind. Die Kontaktaufnahme mit den anderen ist vor allem zu Beginn eines Seminars von Vorsicht geprägt, jeder möchte sich selbst darstellen und von den anderen etwas in Erfahrung bringen. Die Teilnehmenden testen, wie sie miteinander zurecht kommen. Jede/jeder ist noch auf der Suche nach ihrer/seiner Rolle und ihrem/seinem Platz in der Gruppe. In der Phase 1 ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit vorherrschend.
In einer Online-Phase wird Übergang vom "Alltag" ins Seminar dadurch erschwert, dass der Arbeitsplatz physisch gar nicht verlassen wird. Die Einflüsse des Arbeitsplatzes wie Telefonklingeln, Türklingeln, Gespräche anwesender Personen (Kinder, Partner, Arbeitskolleginnen, Freunde) bleiben erhalten. Zusätzlich müssen sich die Teilnehmenden nach dem "Login" sowohl in der technischen Infrastruktur der Lernumgebung als auch in der sozialen Umgebung orientieren. Aufgabe der Dozentin, des Dozenten in Phase 1 Findet diese Gruppenphase in einer Online-Lernumgebung statt, dann bietet sich eine Chatsession an, um die Teilnehmenden beim gedanklichen Übergang von zu Hause oder ihrem Arbeitsplatz in die Online-Umgebung zu unterstützen und ihnen den Raum zu geben, sich kennen zu lernen und etwas von sich selbst mitzuteilen. Kurze spielerische Übungen von 10 - 15 Minuten geben die Möglichkeit, eine angeregte, vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen. Ebenso können ungeübte Teilnehmende in dieser Phase bei technischen Problemen unterstützt werden Übungsbeispiele - Berühmte Persönlichkeiten, Tabu-Spiel, Literaturhinweis: weitere Beispiele in Häfele/Winter).
Phase 2: Aufbau einer sozialen Ordnung Die Phase 2 in der Entwicklung von Gruppen ist gekennzeichnet von Krisen und Konflikten. Die Unterschiedlichkeit der Interessen und Erwartungen der Seminarteilnehmenden wird deutlicher, bei Krisen wird die Kompetenz der Seminarleitung angezweifelt. Der Drang zur Selbstbehauptung und zu Rivalität der Gruppenmitglieder wird häufig über Sachthemen ausgetragen. Normen, Rollen und Regeln werden diskutiert, ausgehandelt und festgelegt. Bei Intervall-Seminaren, in denen kleinere Einheiten in regelmäßigen Abständen aufeinander folgen, ist in dieser Phase die Gefahr des Rückzugs am größten. Wird diese Gruppenphase jedoch erfolgreich durchlaufen, dann endet sie mit der Bereitschaft, Entscheidungsregeln zu finden, Rollen und Funktionen zu verteilen, akzeptable Normen für das Gruppenleben zu schaffen und die unterschiedlichen Fähigkeiten der Teilnehmenden für die gemeinsame Arbeit zu nutzen. Die Konflikte können als Motor für den Aufbau von Beziehungen gesehen werden. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht. Die Gruppe hat nach Abschluss dieser Phase eine kleine "gemeinsame" Geschichte. Aufgabe der Dozentin, des Dozenten in Phase 2 Die Aufgabe der Seminarleitung besteht darin, der Gruppe die Prozesse zuspiegeln und Aufgaben an Gruppenmitglieder abzugeben, um die Selbststeuerung der Gruppe zu fördern. Sie gibt Hilfen, damit ein Problem besprochen oder bearbeitet werden kann, löst es aber nicht selbst. Werden die Konflikte in dieser Gruppenphase nicht gelöst, dann bleiben die folgenden Arbeitsergebnisse Einzelergebnisse. Es kommt nicht zu kooperativen Arbeits- und Lernprozessen. Findet diese Phase ist in einer Online-Lernumgebung statt, so verschärft sich in Konfliktsituationen die Gefahr von Missverständissen und damit das Scheitern der Kooperationsorganisation. Eine sorgfältige Leitung und Moderation der Gruppenprozesse ist in dieser Phase besonders wichtig. Übungsbeispiele - Blitzlicht, Stimmungsbarometer, Reflexion der Rollen im Team
Phase 3: die Entfaltung kooperativer Lern- und Arbeitsprozesse In Phase 3 der Gruppenentwicklung nehmen Sachthemen den meisten Raum ein. Die Gruppe hat eine stabile Arbeitsfähigkeit entwickelt, Aufgabenstellungen werden konstruktiv aufgenommen. Die Teilnehmenden haben ihre Beziehungen und Positionen in der Gruppe geklärt und sind in der Lage, voneinander zu lernen und ihre Unterschiedlichkeiten zu nutzen. Die Vielfalt kann für kreative Aufgabenbearbeitungen genutzt werden. Aufgabenteilungen und Rollendifferenzierungen können stattfinden, ohne dass die Teilnehmenden ihre Zugehörigkeit zur Gruppe gefährdet sehen. Die Gruppenstruktur ist gut entwickelt, die Umgangsformen sind eingespielt und beruhen auf sicheren zwischenmenschlichen Beziehungen. Da sowohl die Arbeitsorganisation als auch die Kooperation sozial geklärt ist und funktioniert, können sich kooperative Lern- und Arbeitsprozesse entfalten. Trotzdem kann die Gruppe in Phase 2 zurückfallen oder Mini-Zyklen durchlaufen. Aufgabe der Dozentin, des Dozenten in Phase 3 In dieser Phase liegt die Hauptproduktionskraft einer Lern- und Arbeitsgruppe. Die Seminarleitung gibt Hilfestellung für die Planung, Organisation und Durchführung der Aufgaben, berät bei der Methodenwahl und den Vorgehensweisen und moderiert gegebenenfalls Prozesse der Entscheidungsfindung.
Phase 4: Transfer und gedankliche Rückkehr an den Arbeitsplatz Die vierte Phase ist gekennzeichnet von einer abschließenden Rückschau auf den gemeinsamen und den eigenen Lernprozess. Überlegungen werden angestellt, wie mit dem Gelernten im beruflichen Alltag weiter verfahren werden kann. Zusätzlich müssen sich die Teilnehmenden voneinander verabschieden und sich gedanklich auf ihre "physische" Umgebung vorbereiten. Gedanken an Aufgaben und Anforderungen aus dem beruflichen und persönlichen Alltag tauchen wieder auf. Aufgabe der Dozentin, des Dozenten in Phase 4 Auswertungsthemen in Bezug auf Inhalte und Prozess helfen den Seminarteilnehmenden, die Lernergebnisse zu sichern und einzuordnen und eine Brücke in den Alltag zu schlagen.
Literatur:Langmaack & Braune-Krickau (2000). Wie die Gruppe laufen lernt. Beltz: Weinheim.
Von erfahrenen Weiterbildnern auf lern- und kommunikationstheoretischem Hintergrund geschriebener Praxisleitfaden
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