Wer hat eigentlich als erster die Idee zum Bloggen gehabt?

16. Juni 2008 von Rolf Schulmeister

In dem vorgeblich in Wien 1795 anonym herausgegebenen “Manifest einer nicht geheimen, sondern sehr öffentlichen Verbindung echter Freunde der Wahrheit, Rechtschaffenheit und Bürgerlichen Ordnung an ihre Zeitgenossen” entwirft Adolph Freiherr Knigge, bekannter durch sein Werk “Über den Umgang mit Menschen” (1788), das Weblog als Korrespondenzverein:

“In jeder der erwähnten vierundzwanzig teutschen Städte tragen diejenigen dort wohnenden Männer, welche an der Vereinigung Teil nehmen wollen, Einem von ihnen auf, den Briefwechsel zu übernehmen, welches, wie man hören wird, gar kein beschwerliches Geschäfte ist […] Jeder dieser Correspondenten hält einen oder mehr Bogen Papier in Bereitschaft, worauf er, wenn er Lust und Muße dazu hat, alles dasjenige in kurzen Worten notiert, was er dem Zwecke der Gesellschaft angemessen findet, also Nachrichten, Anfragen, Forderungen, Vorschläge, auch, wenn er will, kleine Abhandlungen über verschiedene Gegenstände. Dies Heft schickt er zweimal im Monate, nämlich in der Mitte und am Ende desselben, nebst dem aus einer nahe gelegenen Stadt vierzehn Tage früher mitgeteilt erhaltenen Hefte, dem Mitgliede, an welches er in der nächsten Stadt ist gewiesen worden, mit der Post franco hin. Hierin besteht seine ganze Arbeit.” 

Das Konzept des Korrespondenzvereins von Knigge war damals bereits unserem heutigen RSS-Feed überlegen, denn Knigge baute zwei Komponenten in sein Kommunikationssystem ein, die bis heute nicht in Weblogs realisiert wurden: Eine Leermeldung und eine Rückmeldeschleife.Die Leermeldung geht so:

“Hat er nichts ausgeschrieben, so muss er wenigstens das Erhaltene zu der gehörigen Zeit weiter befördern und ein leeres Blatt, mit seiner Nummer bezeichnet, dabeilegen.”

Und die Rückmeldeschleife wurde wie folgt von ihm konzeptioniert:

“Sobald No. 6 nicht zu rechter Zeit von No. 5 die Hefte bekömmt, zeigt er dies dem Freunde No. 7 an und sucht, wenn eine freundschaftliche Erinnerung vergebens ist, sogleich mit No. 4 Abrede zu nehmen, daß sie in der Stadt, wo No. 5 wohnt, einen andern Correspondenten erhalten […] Desfalls müssen notwendig vier in der Reihe auf einander folgende Correspondenten sich dem Namen nach kennen.”

Auch das Ziel des so konzipierten Blogger-Ringes ist manch heutigen Weblogs überlegen: Es war die Aufklärung:

“Und so, wie wir bereit sind der bürgerlichen Ordnung und der Unterwürfigkeit gegen Obrigkeit und Gesetze Gut und Blut zu opfern, so predigen wir Aufruhr, Rebellion und Krieg (doch nur mit geistigen Waffen) gegen alle Unterdrücker der göttlichen, heiligen, gesunden Vernunft.”

Das ersonnene Logsystem muss so effizient gewesen sein, dass die Wiener Polizei gefälschte Briefe unter dem Namen eines schwerkranken und des Schreibens nicht mehr mächtigen Aufklärers Blumauer an Knigge schickte in der Absicht, an die Namen seines Netzwerks heranzukommen (Vorwort Fenner, S. 18).(Adolph Freiherr Knigge: Über Freimaurer, Illuminaten und Echte Freunde der Wahrheit, hrsg. u. eingeleitet von Wolfgang Fenner. Marix Verlag: Wiesbaden 2008, S. 216-217.)

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5 Reaktionen zu “Wer hat eigentlich als erster die Idee zum Bloggen gehabt?”

  1. e-Denkarium » Blog Archiv » Schulmeister bloggt … ein bisschen

    [...] “Schulmeister bloggt” …. ganz so kann man es noch nicht sagen, aber fast: Die Mitarbeiter im Team um Rolf Schulmeister betreiben seit April 2008 das ZHW-WebLog (ZHW steht für Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung) und Rolfs erster Blog-Eintrag findet sich hier: [...]

  2. neue verweise vom 21.6.2008 | www.matthias-mader.de

    [...] ZHW-WebLog » Blog Archiv » Wer hat eigentlich als erster die Idee zum Bloggen gehabt? – knigge als ahnherr des bloggens … [...]

  3. bloggen ist uralt « mediaXpuzzle: medien und schule

    [...] also Blogs nachzulesen und dann stosse ich im ZHW Blog von Rolf Schulmeister in dem auf das von Adolf Freiherr Knigge (ja der “alte Knigge”) [...]

  4. Ansichten zur Kommentarkultur in Schulmeisters Weblog « chrisp’s virtual comments

    [...] einordnen würde, auch die meisten Kommentare erhielten, so beispielsweise ein historischer Artikel über Weblogs von Rolf Schulmeister und ein Artikel über einen Referenzrahmen für e-Learning-Angebote von [...]

  5. uni weiterbildung

    uni weiterbildung…

    Klasse Beitraege zu dem Thema. Es gibt scheinbar doch noch Menschen die gut zu schreiben wissen. Na ja – das Talent ist auch nicht jedem gegeben. Man muss sie nur finden ;-) Werde die Seite auf jeden Fall in meinen Favoriten aufnehmen….

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konzeption und realisation klaus nuyken